Anathema wrote:
IANAL. Trotzdem: Der "Aufwand" wird ja immer wieder gerne ins Feld geführt. Aber ist das Schlüsselwort des Urheberrechts nicht "Schöpfungshöhe"? Nur so ein Gedanke...
Wieder einmal haben wir festgestellt, dass nicht nur private Rechteverwerter zunehmend angebliche Rechte verteidigen, sondern auch öffentlich finanzierte Einrichtungen; vor einigen Monaten haben wir das durchdiskutiert am Beispiel von Fotografien aus Museumsbeständen (z.B. Eriks Vorschlag der "Guerrilla-Fotografie"), jetzt kam die Thematik wieder auf am Beispiel von Digitalisierungsprojekten gemeinfreier Werke.
Die Muster sind in beiden Fällen ähnlich: Es geht um Werke, die nicht mehr durch das eigentliche Urheberrecht geschützt sind, weil die Urheber seit hunderten oder gar tausenden von Jahren verstorben sind, deren Schöpfungen aber durch allerhand juristische Konstrukte wieder dem öffentlichen Besitz entzogen werden sollen. Das funktioniert eben so lange und wird sich auch ausweiten, wie sich niemand dagegen wehrt; wenn die Positionen der angeblichen Rechteinhaber und der Rechtenutzer diametral entgegengesetzt sind, gibt es nur einen Weg der Klärung: Vor Gericht.
Wie immer laufen Diskussionen um die Handhabung des Urheberrechts auf dieser Mailingliste auf die Frage hinaus, ob Wikipedia ein Interesse daran hat und bereit dazu ist, die Grenzen des Urheberrechts auszuloten.
Folgende Positionen haben sich dazu herauskristallisiert:
1. Pragmatische Handhabung und "vorauseilender Gehorsam": Keine Konflikte riskieren, nur Inhalte nutzen, deren Nutzungsgenehmigung unproblematisch ist; eher auf Inhalte verzichten als Risiken eingehen, kein offensives Knabbern an der aktuellen Sitation; kein Beziehen einer expliziten politischen Position; das dürfte wohl der breiteste Konsens sein.
2. Pragmatisch die Grenzen ausloten: Keine plakativen Positionen beziehen, aber Grenzen des Urheberrechts offensiv ausloten; keine Konflikte provizieren, aber Konflikten ggf. auch nicht aus dem Weg gehen (so verstehe ich etwa die Haltung von Vlado und Directmedia und vielleicht auch die von Lars).
3. Wikipedia als Dolch der Commons: Wikipedia und andere Mediawiki-Projekte zur Speerspitze der "Commons"-Bewegung ausbauen; gegegn unmoralische Beanspruchung von Rechten an öffentlichen Kulturgütern offensiv vorgehen; evl. als Projekt offiziell einen politischen Standpunkt beziehen; ggf. auch Konflikte gezielt provizieren, um eine Klärungherbeizuführen (in der Richtung würde ich Erik am ehesten verorten).
4. Fundamentalkritik an Handhabung der Verwertungsrechte: Ansprüche können zwar behauptet werden, sind aber rechtlich fraglich und könnten vor Gericht keinen Bestand haben (so verstehe ich die Position von Klaus Graf); unklar ist mir allerdings, was uns ein solcher akademischer Standpunkt konkret für die Wikipedia nutzen soll.
So sehe ich das aktuelle Handlungsspektrum; derzeit arbeitet Wikipedia m.E. nach Modell 1; die Frage ist also, wie wir uns zu Modell 2 und 3 (in welchen Variationen auch immer) stellen wollen.
MfG -asb